Montag, 23. August 2010

Auch auf die Gefahr hin zu verbluten: Könnten Sie noch eben bei einer Bank anhalten?

Bitte halten Sie Ihr Geld abgezählt
bereit: Der Robodoc2000
(alle Kassen, alle Kreditkarten)
"Ach was, Arzt! Das ist morgen wieder weg!" sagte einst ein enger Verwandter, kurz bevor er mit Tatütata und einem schlimmen (und noch am selben Tag operierten) Leistenbruch ins Krankenhaus gebracht wurde. Was hier als Anekdote über die Halsstarrigkeit eines bodenständigen Landbewohners zu einem milden Lächeln reizt, könnte - wenn es nach der FDP ginge - für den durchschnittlichen Geringverdiener bald zur normalen Standardaussage werden, und zwar unfreiwillig: Nach dem Willen der FDP sollen Patienten demnächst ihren Arzt gefälligst erstmal selbst bezahlen, und zwar barkasse. Wenn sie Glück haben, bekommen sie die Kohle später vielleicht zurück; und wenn sie weniger Glück - besser gesagt: Geld - haben, können sie sich den Besuch beim Doktor gleich schenken, weil gar nicht erst leisten.

Ja, ja, ich weiß: Den gezahlten Betrag sollen sie anschließend von ihrem Versicherer erstattet bekommen. Das Blöde ist nur: Das klappt heute schon nicht, erfordert mehr Verwaltungsaufwand und ändert nichts daran, dass es genug Menschen gibt, die das Geld zum Vorstrecken schlicht nicht haben. Sollen die etwa einen Kurzzeitkredit aufnehmen, um dem Arzt zwei Hunnis rüberschieben zu können, damit er einem den Schnitt im Finger verbindet?

Vor ein paar Jahren bin ich mal mit dem Rad auf die Klappe gefallen und habe bei dieser Gelegenheit ein paar Zähne verloren. Hm - wieviel hätte ich denn da hinblättern müssen? Tausend Euro? Zweitausend? Oder Achthundert, wenn ich während der Happy Hour eingeliefert worden wäre? Und hätte ich die Krankenwagenfahrer bitten können, auf dem Weg zum Krankenhaus noch eben bei einer Bank anzuhalten, damit ich Geld abheben kann - oder sie gleich überfallen, denn zu der Zeit gab's bei mir als Hartz-IV-Empfänger nichts abzuheben?

Und wie sieht es mit der Relation zwischen Bezahlung und Leistung aus? Wenn mir der Blinddarm wehtut und mein Bares für das Rundum-Sorglos-Paket nicht ganz reicht - wird dann die Betäubung weggelassen? Die OP mit einem rostigen Skalpell durchgeführt? Muss ich sie, wenn ich noch weniger Geld habe, nach dem alten Friseurprinzip "Selber waschen, schneiden, legen" gar selbst durchführen und nur die Miete für den Operationssaal zahlen? Und wo stecke ich dem Doktor das Geld hin - in die Klempnerfalte oder gleich ein Stück tiefer? Sollte man ihm vielleicht einen Münzschlitz implantieren?

Und überhaupt: Was kriegen Sozialfälle dann noch für Leistungen, die nicht viel kosten? Aderlässe? Blutegel? Voodoozauber? Warme Worte? Gebete? Und womit bezahlen sie - muss man demnächst ein Huhn oder einen Sack Kartoffeln mitbringen, wenn man sich mit Herzflimmern zum Arzt schleppt? Oder gehen auch Arbeitsleistungen - einmal Augentropfen gleich eine Viertelstunde Rasenmähen oder Golfschlägerpolieren?

Die Neoliberalen entwickeln einen erstaunlichen Erfindungsreichtum, wenn es um neue Wege zum sozialverträglichen Frühableben geht: Arme Menschen, die in deren Augen ja ohnehin den Stellenwert von Parasiten haben, krepieren dann eben schneller an einer Grippe, weil sie sich finanziell zwischen einem fiebersenkenden Mittel und der Zahlung der Miete entscheiden müssen. Auf Demos geht man dann auch nicht mehr: Die Gefahr, sich zu erkälten, ist zu groß. Der Satz "Ich kann es mir nicht leisten, krank zu werden" erhält eine ganz neue Bedeutung.

Dumm nur, liebe FDP-Schergen, dass mittlerweile ja auch ein nicht unerheblicher Teil der einer Beschäftigung nachgehenden Leute im Lande lohntechnisch so kurz gehalten wird, dass es vorne und hinten nicht reicht. Wenn die alle den Löffel weglegen - wer erwirtschaftet euch dann euren Reichtum? Wie immer lacht ihr euch kaputt über das niedere Volk, und lasst bei dieser Gelegenheit eure Jacketkronen aufblitzen - aber mal sehen, wer zuletzt lacht.

Kommentare:

Henrik Nolte hat gesagt…

Das heisst also, dass die FDP nach Einführung des allgemeinen Versicherungszwangs 2007 jetzt einführen will, dass ALLE ZWANGSWEISE PRIVATVERSICHERT sind. Natürlich für die Betroffenen (die Geringverdiener) nur mit allen Nachteilen und ohne jede Vorteile.

Denn wer mehr Vorteile vom Privatversichertsein hat, ist ja sowieso schon privatversichert. Das ist - 'tchuldigung, WAR ja der Sinn. Bisher.

Vor dem Hintergrund dieser Strategie bekommt der Satz "Dann ziehen wir uns mal warm an" eine richtig runde Bedeutung ...

Pathologe hat gesagt…

Ich weiss gar nicht, was Sie haben, Dr. No. Das Prinzip ist doch hinreichend in den Vereinigten Staaten getestet worden und funktioniert dort auch. Fuer die Reichen. Gut, es hat auch noch einen wirtschaftlichen Aufschwung gebracht. Fuer Waffenhaendler und deren Produktnutzer, die mal eben vor dem Krankenhausbesuch ihre Krankenkasse auffuellen und dabei sogar Neupatienten schaffen. Die Neupatienten allerdings haben weniger Geld und zu lachen, die muessen dann erst mal selber sehen, wie sie das unternehmerische Risiko, in das sie sich begaben, in die Notaufnahme tragen koennen.

Aber die Sichtweise der Neoliberalen ist auch klar, klinkt man sich, unter Weglassung von 98 Prozent des Eigenhirnes, in deren Denkweise ein: jeder Mensch besitzt mindestens eine Senator-, Gold- oder Platinumcard, die beim Arztbesuch dann gezueckt wird. Und wer keine deieser Karten hat, sondern vielleicht nur eine Bildungskarte, der ist eben faul und braucht sich nicht zu wundern, wenn faules Fleisch einfach weggeworfen wird.

(verzerrtes Wort: obili. Mehrzahl von Obolus?)

Frau_Aura hat gesagt…

Prima, das faule Fleisch sitzt hier noch im Morgenrock, sieht aber endlich ein Licht am Ende des Tunnels der Perspektivlosigkeit: Waffenhändlerin werden!
Prost, meine Herren!

P.S. Spätere reiche Heirat nicht ausgeschlossen...