Sonntag, 6. März 2011

Einstand nach Moaß

Fast könnte man Mitleid mit ihm haben: Kaum nimmt Hans-Peter Friedrich auf dem noch warmen Sessel des Innenministers Platz, fliegt ihm schon alles um die Ohren und bezieht er Dresche, weil er meinte, zum Einstieg was über das Dauerreizthema Islam sagen zu müssen. Naja, und wenn ein CSU-Politiker zu diesem Thema den Mund aufmacht, kann das ja auch nicht gutgehen. Dabei ist an dem fraglichen Satz an sich zunächst eigentlich nichts auszusetzen. An Friedrichs mutmaßlicher Intention und offenkundiger Interpretation allerdings schon.

"Dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt", tat der Neue im Amt kund. Und wahrlich: Während des Großteils der deutschen Geschichte hat der Islam keine besonders bedeutende Rolle gespielt, die Zahl der im deutschen Gebiet lebenden Muslime höchst überschaubar. Andererseits ergibt sich daraus natürlich geradezu zwangsläufig eine Frage an Friedrich. Und die lautet: "Ja, und?"

Denn der von ihm ins Feld geführte Mangel an solchen "historischen Belegen" ist vollkommen unwichtig. Damit will ich die Bedeutung der Geschichte für das heutige Selbstverständnis gar nicht in Abrede stellen - schließlich habe ich selbst mal Geschichte studiert -, aber was soll das denn für eine Rolle für die aktuellen Debatten spielen? Natürlich gehört der Islam heute zu Deutschland. Hier leben rund vier Millionen Muslime, immerhin jeder Zwanzigste Einwohner. Das ist ein nicht wegzudenkender Baustein der bundesdeutschen Gesellschaft. Da ist es doch völlig piepegal, ob es im 18. Jahrhundert im ganzen Heiligen Römischen Reich bloß hundert oder so waren.

Geschichte ist keine bloße Ansammlung von historischen Zuständen, an denen man sich beliebig für politische Zwecke bedienen kann, sondern Geschichte bedeutet die Erforschung und Darstellung von Entwicklungszusammenhängen. Und der für diesen Fall maßgebliche lautet: Ab den 60ern gab es eine starke Einwanderungsbewegung von Muslimen nach Deutschland - das sie ja immerhin gerufen hat, um für die reichen Deutschen die Drecksarbeit zu machen -, die zur Zusammensetzung der heutigen Gesellschaft führte. Vielleicht hat diese Entwicklung, globalhistorisch betrachtet, erst vorgestern begonnen, aber das macht sie schließlich nicht ungültig.

Genausogut könnte man sagen: "Dass die Automobilindustrie zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt." Also, schmeißen wir Daimler und co. doch raus! Schließlich hat dieser Wirtschaftszweig historisch vom 9. (wenn man den Zeitpunkt, ab dem man von einer "deutschen" Geschichte sprechen könnte, mal willkürlich hier setzen will) bis zum 19. Jahrhundert keine Rolle gespielt. Oder dass die Oder-Neiße-Grenze zu Deutschland gehört. Oder die Fußballnationalmannschaft.

Wer legt denn den Zeitraum fest, über den eine historische Erscheinung mindestens eine - natürlich belegbare - Rolle gespielt haben muss, damit ihr Einfluss auf die Geschichte als mehr oder weniger gewichtig anerkannt werden darf? Neuerdings nicht mehr die Historiker, sondern der Innenminister? Na, herzlichen Glückwunsch. Das ist dann wohl die Bildungsrepublik Deutschland, von der Mutti immer spricht.

Es macht mich ein wenig nervös, wenn gerade in diesem mächtigen Ministerium jemand sitzt, der seine Politik mit historischen Möchtegernerkenntnissen unterfüttern will und dabei so absolut überhaupt keine Ahnung von Geschichte hat. "Dass die Demokratie zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt" - damit ließe sich wunderbar die weitere Aushöhlung der Freiheitsrechte im Grundgesetz rechtfertigen.

Vielleicht hat Friedrich ja auch nur zu tief in seine Maß Bier - oder "Moaß", wie der Bazi sagt - geschaut, das wäre eine beruhigendere Erklärung. Aber halt, stopp, ich will ihm auch nicht gänzlich unrecht tun: Eine bedeutende und auch die Gesellschaft prägende Schnittstelle der deutschen Geschichte mit dem Islam hat es tatsächlich gegeben - die "Türkengefahr".

Ein Wort, das irgendwie auch aus dem Munde eines CSU-Politikers kommen könnte.

Kommentare:

Gina hat gesagt…

Woast, wennst scho koa boarisch konnst, dann soidst as oafach lassn. Des Woat in Deina Übaschrift kennt koa Mensch.

Nix füa unguad...

Dr. No hat gesagt…

Aber es sieht so schön bajuwarisch aus... und die inflationäre Verwendung von "oa" in sonstigem bayerisiertem Schriftgut legte diese Variante nahe. Quod erat demonstrandum: "woast, koa, oafach, Woat..."

Pathologe hat gesagt…

Etwas länger als Daimler in Stuttgart oder BMW in München gibt es aber schon die Muslime in Deutschland. Hier kann man lesen, dass bereits 1775 die Historie darauf verweist. Möglicherweise ist dies aber dem Namensvetter jenes Ansiedlungspolitikers noch nicht historisch - oder sagt man dazu jetzt: konservativ? - genug. Nun ja, wenn man sich auf die Aussagen eines jüdischen Sektengründers stützt, der aufgrund der damaligen Politik als Terrorverdächtiger per Schnellgericht an der Latte Macchiato (gemischte Latte für Juden und Palästinenser) endete... Die Geschichte schreibt da immer irgendwie Parallelen.

Anonym hat gesagt…

Der Mann hat doch recht.
Der Harz gehört zu Deutschland, der Rhein, die Donau, der Spessart…
Aber so'n vorübergehendes Zeugs wie der Islam oder der Katholizismus oder die CDU nicht. Das kommt und geht, das gibt's auch anderswo.
Und gebraucht wird es auch nicht.

juwi hat gesagt…

Deinen Ausführungen ist nichts hinzuzufügen. Ich habe zwar nicht Geschichte studiert, aber auch mir sträuben sich immer wieder die Haare, wenn irgendwelche Leute meinen, die Geschichte würde vor ein- oder zweihundert Jahren enden.

Ich fürchte, diese innenministerielle Fehlbesetzung war ein Schnellschuss unserer Bienenkönigin, der uns noch viele Kopfschmerzen bereiten wird.

Dennis Wahl hat gesagt…

Durch Menschen die Friedrich in der Regierung fühlen sich Rechte in Deutschland nur bestätigt und Menschen mit Migrationshintergrund fühlen sich mal wieder ausgegrenzt. Ich bin gerade so stolz auf unsere Bundeskanzlerin. Toll, dass sie totalen Knalltüten eine Chance gibt.

Dr. No hat gesagt…

Aehm, dass ich mich selbst hier etwas rar mache, liegt an meiner temporaeren Abwesenheit. Und zwar in einem ganz anderen Land. So ohne CSU und so. Ich hoffe, ihr seht es mir nach...