Dienstag, 23. Juni 2009

Mehr als eine Redewendung: "Leckeres Essen zaubern"

Noch eine Woche bis Monatsende. Für alle, die ihren Hartz-IV-Regelsatz schon aufgebraucht haben und die restlichen Tage von Wassersuppe mit steinharten Brotkanten zu überstehen versuchen, habe ich eine frohe Botschaft: Das muss nicht sein! Auch von gerade mal vier Euro pro Tag - wenn man nicht raucht und Antialkoholiker ist - kann man ein leckeres und nahrhaftes Essen zubereiten. Woher ich das weiß? Vom Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft. Diese Fürsorglichkeit kommt nicht von ungefähr: Die Wirtschaft hat ja schließlich auch ein Interesse daran, dass ihre Rabotniks - die von ihr so schlecht bezahlt werden, dass sie zusätzliche Hartz-IV-Leistungen beantragen müssen - nicht reihenweise an Skorbut sterben. Dann müsste man ständig neue Leute einarbeiten und so, das kostet zuviel.

Das BNW wirbt daher mit einem Flyer für ein von ihm herausgegebenen Kochbuch. Zitat: "Wie aber mit einem Tagesbudget von zwei bis vier Euro auskommen? Das hat nichts mit Zauberei zu tun, sondern mit erprobtem Wissen." Als Appetizer im wahrsten Sinne des Wortes findet sich dort das Rezept für eine Pilzpfanne. Leider, ach, war auf dem Flyer dann kein Platz mehr für eine Erklärung, wie man von den paar Euro ein halbes Kilo Champignons und ein halbes Kilo Hähnchenbrustfilet bezahlen soll. Vielleicht wären Zauberkräfte doch hilfreich. Für Hartz-IV-Empfänger gilt offenbar: Wer den finanziellen Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Und wer sich mangels Geld von Aldi-Tütensuppen ernährt, kann wohl einfach nicht haushalten. So!

Das beworbene Kochbuch heißt "Balance-Kochbuch", und der Flyer schwafelt in diesem Zusammenhang vom "Schaffen von Gleichgewichten". Dass "Balance" im Englischen, also der Lieblingssprache der Businessleute, auch für "Saldo" bzw. "Kontostand" steht, ist wohl eine gar lust'ge Ironie am Rande.

Vielleicht sollte ich alle Leser dieses Blogs zu einem kleinen Wettbewerb aufrufen. Wer es schafft, das abgebildete Rezept für vier Euro zuzubereiten - wir gehen angesichts der Zutatenmenge von zwei bis drei Essern aus, die aber das zusätzliche Geld aus ihren Regelleistungen bereits für Frühstückszeug und Getränke ausgegeben haben - bekommt als Siegprämie einen gut dotierten Beraterposten beim BNW.

Und wo findet man so ein niederträchtiges Machwerk? Im Bürgerbüro der Oldenburger Stadtverwaltung. Man kann sich dort wunderbar neoliberal indoktrinieren lassen, während man darauf wartet, seinen Antrag auf GEZ-Befreiung abzugeben oder sein Auto abzumelden, weil man es sich nicht mehr leisten kann.

Kommentare:

Pathologe hat gesagt…

Das geht so: Aus dem in China umgefallenen Sack Reis, den eh niemand interessiert, fuellt man sich 450 Gramm in die Hosentasche ab. Eher 500 Gramm, da ein wenig Verlust durch das Loch immer drin ist. Die 3 Paprika findet man hinter dem Aldi in der Biotonne, wobei man 2 3er-Packungen finden muss, in denen nur ein paar gammelig geworden sind. 4 Essloeffel Schwund kann man immer irgendwo auftreiben, denn Schwund gibt es immer. Zwei Essloeffel Ajwas? Kennen wir nicht, lassen wir weg. Oel nach Bedarf, das wird ja eh, im Rahmen des Erlaubten, vom Sozialamt uebernommen. Also die Heizkosten. Was ja Oel ist. Ab in den Keller, eine Handvoll aus dem Tank geschoepft. Gibt auch ein intensiveres Aroma als dieses Ajwas, was auch immer das ist. Salz und Pfeffer gibt es bei Burgerking, da, wo die Strohhalme und Servietten sind, fuer umme. Bis jetzt haben wir noch keinen einzigen Cent ausgegeben, gemerkt? Die Zwiebel fischen wir aus derselben Biotonne wie auch den Paprika, die Gemuesebruehe kochen wir selbst aus den schimmeligen Paprikaresten, die wir eh nicht essen koennen. Kochen toetet dabei die Bakterien ab. Die Champignons ernten wir von den feuchten Waenden unserer Sozialwohnung und als Ersatz fuers Haehnchenbrustfilet filetieren wir eine der wenigen Ratten, die unsere Nachbarn noch uebrig liessen.

Oh, das war Katze? Macht nichts.

darki hat gesagt…

@Pathologe
Super Einwand -g- Doch sollte doch eher zur Ratte gegriffen werden, um denn Hänchen Geschmack bei zu behalten.

Dr. No hat gesagt…

Respekt! Wir haben einen Gewinner! Sobald hier eine Stelle als BNW-Berater frei wird, gebe ich Bescheid.

Bis dahin könnte man ja weitere Aufgaben lösen, etwa: Wie kann man von 1000 Euro netto gleichzeitig konsumieren (um die Konjunktur anzukurbeln), ein Auto nebst Spritkosten unterhalten (um sich Arbeitgebern gegenüber möglichst "flexibel" zu präsentieren und notfalls 150 km zu pendeln), seine Gesundheit aufrechterhalten - und dann auch noch etwas für's Alter zurücklegen?

Wenn du dafür auch eine Lösung findest, gibt's ein eigenes Büro und einen Dienstwagen dazu...