Montag, 30. November 2009

Haben wir nicht alle den Holocaust irgendwie überlebt?

Heute begann der Prozess gegen John Demjanjuk, vermutlich die letzte größere Gerichtsverhandlung um Verbrechen der NS-Zeit. Dementsprechend groß ist das Interesse daran und dementsprechend schnell tickern die Agenturen ihre ersten Meldungen durch - und so ziemlich alle lauten so ähnlich wie "Demjanjuk-Prozess beginnt mit Befangenheitsantrag". Nun, das ist eigentlich nichts besonderes; soll schon mal vorkommen, dass die Verteidigung zu diesem Mittel greift. Ich frage mich vielmehr, warum niemand schreibt: "Demjanjuk-Prozess beginnt mit einem Eklat"?

Denn nichts anderes ist es, was sich Demjanjuks Verteidiger da laut ddp herausgenommen hat; ein so unglaublicher Schlag ins Gesicht jedes NS-Opfers, dass einem übel wird: Der Angeklagte, wird der Anwalt zitiert, sei "ein Überlebender des Holocaust, nicht aber Täter"! Es geht mir an dieser Stelle nicht darum, ob Demjanjuk schuldig ist oder nicht oder ob man den sogenannten Befehlsnotstand geltend machen kann - die Bezeichnung "Holocaustüberlebender" bezeichnet seit 1945 nur eine Gruppe von Menschen, nämlich ehemalige KZ-Gefangene*, die den Horror überstanden haben. Demjanjuk war ein Wärter. In dieser Position soll es Gerüchten zufolge gar nicht sooo schwierig gewesen sein, den Holocaust zu überleben.

Vor Gericht sagte der Anwalt, dass er nicht verstehe, dass Nazi-Befehlshaber in früheren Verfahren freigesprochen worden seien, Befehlsempfänger wie sein Mandant aber nun schuldig sein sollen. Zugegeben, das ist auch manchmal schwer zu verstehen - ändert aber nichts daran, dass Demjanjuk auf der Seite der Täter stand. Die sogenannten "Trawnikis", die diese Drecksarbeit für die SS erledigten, wurden kaum mit vorgehaltener Waffe dazu gezwungen, in diese Einheiten einzutreten. Dass Demjanjuk vielleicht nicht wusste, was ihn erwartete und sich später vielleicht gezwungen sah, die Befehle der SS auszuführen. um nicht selbst getötet zu werden, mag ja sein - aber das macht ihn noch lange nicht zum Holocaustüberlebenden.

Genau so sieht es aber sein Verteidiger und versteigert sich auch noch in die Behauptung, Demjanjuk stehe "auf einer Stufe" mit einem der Nebenkläger. Als Nebenkläger treten in dem Prozess ehemalige KZ-Häftlinge bzw. Angehörige und Nachkommen auf. Ehemalige KZ-Insassen und ihre SS-Wärter auf eine Opferstufe zu stellen - das ist das Widerwärtigste, Niederträchtigste und Verabscheuungswürdigste, das ich mir aus dem Mund eines Nicht-NPD-Anwalts überhaupt nur vorstellen kann; darunter gibt es eigentlich nur noch Holocaustleugnung. Ich möchte wissen, ob der Mann den Nebenklägern dabei ins Gesicht sehen konnte.

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* Oder Menschen, die den SS-Schergen auf sonst irgendeine Weise gerade so entkommen sind. Also all diejenigen, die im Falle ihrer Ergreifung damit zu rechnen hatten, in die Gaskammern geschickt zu werden.

Kommentare:

Ulf hat gesagt…

Ich muß kotzen.

juwi hat gesagt…

Wenn er ein Opfer gesesen wäre, dann hätte er möglicherweise das Glück gehabt, fliehen zu können oder er wäre gerade noch lebend von den Alliierten in einem KZ aufgefunden worden. Wahrscheinlicher ist es jedoch, dass er schon lange tot wäre - so wie all die zahllosen Menschen die er in die Gaskammern geführt hat.

@Ulf: Dem schließe ich mich uneingeschränkt an.