Mittwoch, 25. November 2009

Zehn auf der nach oben offenen Klischeeskala

Für jeden Aspekt des Filmschaffens gibt es einen Oscar, so etwa für die Filmmusik, das Kostümdesign oder die Spezialeffekte. Warum eigentlich nicht für die Bestleistung in der Klischeebedienung? Diesjähriger Preisträger wäre ganz ohne Zweifel "2012". Ja, ich habe mir den "Weltuntergangsporno", wie Spon den Streifen zutreffend bezeichnet, angeschaut. Mich hatte der Trailer so scharf gemacht, dass ich den Film einfach sehen musste (selbstverständlich nur wegen der Tricktechnik. Schließlich lese ich auch den "Playboy" nur wegen der interessanten Artikel*). Und meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht: Für mein Geld bekam ich eine Handlung zu sehen, die kein, aber auch wirklich gar kein Klischee ausließ. Das muss man erstmal schaffen.

Wer den Film noch sehen möchte, sollte vielleicht an dieser Stelle nicht weiterlesen - obwohl es eigentlich gar nicht so furchtbar viel zu verraten gibt: Die Handlung wurde schon in verschiedenen Besprechungen grob skizziert und ist so vorhersehbar wie das Wochenende, aber es soll niemand sagen, ich hätte ihn nicht gewarnt.
Kommen wir also zum Thema dieses Postings: Klischees.

  • Selbstverständlich leidet der Held des Films unter einer gescheiterten Ehe. Und ebenso selbstverständlich finden beide am Ende der Welt wieder zusammen, nachdem die Ex gemerkt hat, was für ein doller Kerl er doch eigentlich ist.
  • Natürlich hat die Hauptfigur auch mit einem Vater-Sohn-Konflikt zu kämpfen. Offenbar ist es amerikanischen Katastrophenfilmemachern unter Androhung drakonischer Strafen verboten, darauf zu verzichten; und ebenso ist es wohl gesetzlich vorgeschrieben, dass dieser Konflikt zum Ende des Films zu lösen sei. Und da bei Emmerich alles immer etwas größer ausfällt, gibt es in "2012" gleich mehrere derartige Konflikte. Nicht kleckern, sondern kotzen.
  • Das Dritte Gebot für Filmemacher lautet: Die Filmfamilie Soll Immer Aus Sohn Und Tochter Bestehen. Niemals Nur Aus Zwei Söhnen Oder Zwei Töchtern.
  • Ohne jeden Zweifel gehören weiterhin zur Besetzung eines solchen Films:
    - ein junger Wissenschaftler, der vor der sich anbahnenden Katastrophe warnt;
    - ein kaltherziger Politiker, der Tausende Menschen zurücklassen will;
    - ein zwielichtiger Ausländer, in diesem Falle ein unfassbar übertrieben dargestellter russischer Oligarch;
    - der neue Mann der Ex-Frau, der aber gar kein richtiger Kerl ist;
    - der US-Präsident sowie
    - ein niedliches Hündchen.
  • Alle cineastischen Todesarten werden abgedeckt: Sinnlose und als gerecht empfundene, kriminelle und unvermeidliche, tragische und heldenhafte.
  • Der US-Präsident ist wie immer die höchste moralische Instanz, die auf diesem Planeten wandelt, und er opfert sich, um bis zuletzt bei seinem Volk zu bleiben. Seine ethische Vollkommenheit ist so zentral, dass allein die Berufung auf seine Person - auch nach Bekanntwerden seines Todes! - ausreicht, um sämtliche anderen Staatschefs der Welt von einem bestimmten Standpunkt zu überzeugen.
  • Obligatorisch ist kurz vor Ende des Films eine leidenschaftliche Gettysburg-Rede, in der irgend jemand an die menschlichen Grundwerte appelliert und damit den Lauf der Geschichte beeinflusst, zumindest aber den kaltblütigen Politiker übertrumpft.
  • Unverzichtbar ist ferner, dass im Laufe des Films irgendwann irgend jemand irgendwen militärisch grüßen muss, am besten natürlich den Präsidenten. Da das Militär in "2012" ein wenig zu kurz gekommen ist, müssen am Ende zumindest die Tochter ein Navy-Käppchen tragen und die Archen frappierende Ähnlichkeiten mit amerikanischen Flugzeugträgern aufweisen.
  • In Mode gekommen ist es seit einiger Zeit, dem Ganzen einen Multikulti-Anstrich zu geben, etwa durch Einführung von Nebenfiguren verschiedener Ethnien. Absolut und unmissverständlich klar ist aber, dass der schwarze Wissenschaftler natürlich dein privates Happy-End nur mit der schwarzen Präsidententochter finden kann. Hollywood als eine der letzten Bastionen des Alltagsrassismus.
  • Es ist für US-Amerikaner völlig unnötig, irgendeine Tätigkeit erst mühsam und langwierig zu erlernen, etwa das Führen eines Flugzeugs. Im Ernstfall wächst man über sich hinaus und macht es einfach. Yee-haw!
  • Irgend jemand versucht immer, die Helden aufzuhalten, indem er auf die Einhaltung irgendwelcher Regeln pocht, auch wenn die Welt um einen herum untergeht. (Die mit Abstand schönste Textstelle in "2012": Während die ganze Stadt im Boden versinkt, es überall brennt und raucht und sich ganze Schluchten auf dem Flughafengelände auftun, quäkt es aus dem Tower: "Sie haben keine Starterlaubnis! Bleiben Sie stehen! Aaaaaaaargghhhhh..." -> Tower stürzt ein.)
  • Dazu gibt es eine ganze Reihe der ebenso lächerlichen wie üblichen physikalischen Unmöglichkeiten und Schwachsinnigkeiten, etwa dass eine russische Antonov 225 - das größte Flugzeug der Welt - problemlos von einer verkürzten Landebahn aus starten und bereits kurz darauf geschickt durch zusammenbrechende Hochhäuser gesteuert werden kann oder dass die Maschinen eines Schiffes nicht gestartet werden können, weil die Heckklappe nicht schließt. Dass das gigantische Getriebe der Klappe schon von einem kleinen Metallteil vollständig blockiert werden, selbiges aber von einem mäßig kräftigen Mann unter Wasser relativ problemlos entfernt werden kann, sei nur am Rande erwähnt.
  • Am Ende muss immer eine gar lust'ge Schlusspointe kommen. Auch wenn gerade die Welt untergegangen ist.
Bestimmt habe ich noch das eine oder andere vergessen, so wie ich innerhalb von zwölf Stunden überhaupt das meiste von dem Film wieder vergessen habe. Ich nehme aber gerne Hinweise entgegen.

Bislang dachte ich immer, es gäbe Lehrbücher für Drehbuchautoren, denen nichts Kreatives einfällt und die daher nach Schema F vorgehen. Dieser Eindruck hat sich etwas geändert: Da für x Zilliarden Dollar wieder mal ein Film produziert und dem Publikum vorgesetzt wurde, der alle gängigen blöden Klischees bedient und dessen Handlung von jedem untalentierten Schülerpraktikanten hätte entwickelt werden können, glaube ich nicht mehr an ein Lehrbuch - es muss sich um ein Gesetzbuch handeln.

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*Für alle, die Schwierigkeiten haben, die Ironie in dieser Bemerkung zu erkennen: Nein, ich persönlich lese den Playboy natürlich nicht.

Kommentare:

juwi hat gesagt…

Vielleicht hast du einfach den Fehler begangen, diesem Weltuntergang mit Logik und gesundem Menschenverstand begegnen zu wollen. Das musste schon deshalb schief gehen, weil die Maya in ihrem Kalender wohl lediglich auf eine besondere Planetenkonstellation aufmerksam gemacht, und die Vermutung geäußert haben, dass diese auch Auswirkungen auf die Erde haben könnte, aber deswegen nicht den Weltuntergang vorausgesagt haben. So wurde es jedenfalls von Wissenschaftlern in einer Fernsehsendung dargestellt, die sich mit der Maya Kultur beschäftigen. Demnach ist es auch erst seit kurzem überhaupt erst möglich, die Maya Aufzeichnungen einigermaßen sicher zu entziffern und zu interpretieren.

Henrik hat gesagt…

In der Tat gibt es eine ganze Reihe von Lehrbüchern über das "3-Akte-Modell" für den Blockbuster in spe. Und es gibt deutsche Regisseure, die mit bestem deutschen vorauseilenden Gehorsam den dort vorgeschlagenen dramaturgischen Mustern Folge leisten, als wären sie Gesetzesparagraphen.

Und setzen noch schleimig einen Patirotismus obendrauf, der selbst dem patriotischstem US-Regisseur zu peinlich wäre. Gleichsam: Je US-patritosicher der Film, desto deutscher der Regisseur.

Das haben die Hollywood-Finanziers begriffen und buchen für solche Jobs eben den Mann fürs Grobe: Roland Emmerich.

darki hat gesagt…

Ich habe es schon lange aufgegeben, solche Weltuntergangsfilme zu sehen. Da sie alle gleich sind, außer, dass die Darsteller gewechselt wurden.

Aber so wie du es das ganze beschreibst... sollte ich ihn mir doch vielleicht zu Gemüte führen. Damit ich voll und ganz deinen Text nachvollziehen kann.
Ansonsten erinnert er mich an "Independence Day" :)

MfG
darki

Dr. No hat gesagt…

@Juwi: Nö, habe ich gar nicht erst versucht. Statt mit Logik und Menschenverstand bin ich diesem Weltuntergang mit Popcorn und Bier begegnet, das klappte ganz gut ;-). Der ganze Esoquark mit Maya & co. ist wenigstens nur ganz kurz am Rand erwähnt worden, ansonsten wäre mir wohl wirklich der Kopf geplatzt.

@Henrik: Ja, was so richtigen Patriotismus angeht, macht uns eben keiner so leicht was vor, wie die Geschichte zeigt. ("Mr. Ammeritch! Familienzusammenführung, Gettysburgrede, Happy End - so machen wir das!" - "Jawoll, mein Drehbuchautor!" *knall*)

@darki: Aber nicht hinterher bei mir beschweren, was du mit den 8 oder 10 Euro sinnvolleres hättest machen können - etwa eine Gastwirtschaft aufzusuchen und ein paar Bier zu trinken ;-)