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Freitag, 7. August 2009

Wer ist der größere Tor - der Tor oder der Tor, der über ihn schreibt?

Als unlängst alle wesentlichen Medien über Silvio Berlusconis Vorliebe für Frauen berichteten, die - rein technisch betrachtet - seine Enkelinnen sein könnten und viel besser aussehen als er, sowie über den Umstand, dass seine verklemmte Sexualität Einfluss auf die Besetzung von offiziellen Regierungsposten hat, wollte ich eigentlich etwas dazu bloggen. Heute bin ich froh, dass ich es nicht getan habe.

Ich wollte etwas dazu schreiben, mit welch unglaublich machohafter Arroganz führende Medien über Mara Carfagna berichteten. Sie erinnern sich: Das ist die Gleichstellungsministerin in der italienischen Regierung, 33 Jahre jung und ehemaliges Fotomodell. Sie hat mitunter auch für Aktfotos posiert und dadurch wohl auch einen Großteil ihrer Berühmtheit - und Berlusconis Aufmerksamkeit - erlangt. Und alle, alle machten sich darüber lustig: Ein Nacktmodell als Ministerin! Hahahahaha! Was für eine kranke Idee! Darauf kommen auch nur diese triebgesteuerten Italiener!

Ich wollte darüber schreiben, wie sehr mich diese Art der gehässigen, testosterongesteuerten Lästerei angekotzt hat. Ich wollte darauf aufmerksam machen, dass ich es - ganz abgesehen davon, dass ich Berlusconi nicht nur für einen Verbrecher, sondern auch für einen Idioten halte - für eine Unverschämtheit halte, Signora Carfagna einfach so jede Eignung als Gleichstellungsministerin abzusprechen, weil sie sich irgendwann einmal für Fotos ausgezogen hat. Als ob es völlig ausgeschlossen sei, dass eine Frau, die eine Figur hat, bei der Männer zu sabbern anfangen (was viel über den Intellekt der betreffenden Männer aussagt), gleichzeitig auch über das intellektuelle Potenzial verfügen könnte, ein solches Amt zu bekleiden. Kurz: Es machte mich wütend, dass ausgebildete Journalisten - und zwar nicht nur aus der Regenbogenpresse - so denken, wie man es sonst Maurern und Straßenbauarbeitern immer zuschreibt: Dass nämlich schöne Frauen offenbar naturgemäß dumm sein müssen.

Ich wollte einräumen, dass ich die Dame natürlich nicht persönlich kenne; mag sein, dass sie wirklich nicht die tiefen Teller erfunden hat und von "Il Cavaliere" wegen ihrer Oberweite zur Ministerin ernannt wurde - aber sicher hat sich niemand der Schreiberlinge, die ihre Spottnäpfe über der Frau ausgekippt haben, die Mühe gemacht, nachzurecherchieren, ob Carfagna ihren Job vielleicht sogar ganz gut macht. Aber das würde ja die schöne Häme aus dem Artikel eliminieren. Titten und Politik - das reicht offenbar als Aufhänger.

Ich wollte anprangern, dass mit genau dieser Einstellung uralte festgelegte Rollenschemata zementiert werden. Dass die Herren (!) Redakteure, getrieben von ihren Herren (!!) Chefredakteuren, ihren Lesern mit solchen schmierlappigen Kommentaren immer wieder meinen eintrichtern zu müssen, dass eine 33-jährige hübsche Frau eine ausgemachte Hohlbirne und mithin ungeeignet sein müsse, irgendeine politische Aufgabe zu erfüllen; ein smart aussehender 37-jähriger Jungadliger allerdings natürlich per se als sowas von scharfsinnig und politisch integer gilt, dass man ihn schon mal zum Kanzler in spe ernennt. Oder nehmen wir Schwarzenegger, dessen frühere Karriere dem Bereich der Nacktbilder ziemlich nahe kommt - Zweifel an seiner Regierungskompetenz liest man so gut wie nie, und wenn, dann sind diese themengebunden - aber er wird nicht auf seinen Körper reduziert.

All das wollte ich vor ein paar Wochen schreiben, bin aber nicht dazu gekommen. Und heute bin ich froh, dass ich mir meine Brandrede zum Thema "Ehemalige Nacktmodelle können sehr wohl brauchbare Politikerinnen abgeben!" gespart habe.

Denn heute habe ich das Spon-Interview mit Kader Loth gelesen.

Und muss meine "Nacktmodell-Politik"-Theorie noch einmal überdenken.

Mittwoch, 8. April 2009

La dolce vita in der Zeltstadt

Was macht man, wenn man sich in der Gegenwart eines Menschen befindet, der andauernd dumme, unpassende und vor allem unlustige Witzchen macht? Ist man zu Besuch bei so jemandem, lügt man sich baldmöglichst ein Alibi zurecht, um verschwinden zu können. Muss man sich mit so jemandem das Büro teilen, denkt man ernsthaft über eine Versetzung nach. Hat man es in einer Kneipe mit so jemandem zu tun, setzt man sich woanders hin oder geigt dem Unflat ordentlich die Meinung. Aber was, wenn es sich um den eigenen Regierungschef handelt?

Die Rede ist selbstverständlich von Silvio Berlusconi. Dass er über geradezu kriminelle Energie und eine gewisse Skrupellosigkeit verfügt, ist bekannt; dass er nebenbei auch noch vollkommen einen an der Waffel hat, wissen wir spätestens seit seinem Spasseken über die "Sonnenbräune" eines gewissen US-Präsidenten. Wat häbb wi lacht. Jetzt hat er gesagt, die Menschen, die nach dem Erdbeben in den Abruzzen in Zeltlagern leben müssen, sollten das Ganze wie einen Campingausflug betrachten. Ich schmeiß' mich weg - Campingausflug! Hihihoho! So richtig mit allem Drum und Dran: Tütensuppen vom Gaskocher, romantischem Regengetrommel auf dem Zeltdach und Steinchen unter der Isomatte. Da lacht der Obdachlose, der Hinterbliebene kriegt sich nicht mehr ein und der Schwerverletzte klopft sich auf die bandagierten Schenkel.

Vielleicht können die Menschen, die in Süditalien unter der Knute der Mafia leben, das Ganze ja als Kinofilm betrachten, in dem sie Statist sein dürfen! Gacker! Wer im Zuge der Wirtschaftskrise seinen Arbeitsplatz verliert, kann dies doch - aufgepasst - wie unerwarteten Sonderurlaub betrachten,
gnihihi. Und wenn wir schon dabei sind: Die italienischen Soldaten in Afghanistan können das Ganze doch betrachten wie einen Abenteuerspielplatz! Hehehe. Alles halb so tragisch, wenn man nur mit einer gesunden Portion Humor an die Sache herangeht.

Aber zurück zur Eingangsfrage: Was macht man mit so jemandem, wenn man ihm nicht einfach eine kleben kann? Man wählt ihn unter Hinweis auf seine absolute Nicht-Eignung als Repräsentant für irgendetwas schnellstmöglich ab? Hahaha - DAS ist mal ein guter Witz! Das funktioniert vielleicht in anderen Ländern, aber nicht in Italien. Denn Berlusconi ist unabwählbar - zum einen kommt er sowieso immer nach ein paar Jahren zurück, zum anderen arbeitet er vermutlich schon an einem Gesetz, dass Ministerpräsidenten, die zum dritten Mal gewählt wurden und schon mehrfach vor Gericht standen, künftig automatisch auf Lebenszeit im Amt bleiben. Nun ja: Die Italiener wollten ihn ja unbedingt wiederhaben - und das ist vielleicht der größte Witz an der Sache. Aber nicht der Beste.

Dienstag, 15. April 2008

Aller schlechten Dinge sind drei

Man mag es kaum glauben: Silvio Berlusconi is back, stärker als je zuvor und mit soliden Mehrheitsverhältnissen. Der König der Verjährungsfristen, der - wenn ihm Knast droht - einfach ein entsprechendes Gesetz vorlegt, welches ihm eine Verurteilung erspart.

Man kann lange und intensiv darüber sinnieren - und viele tun es auch - warum die Italiener diesen zu kurz geratenen Mafioso nun schon zum dritten Mal gewählt haben. Die Antwort ist ganz einfach und soll hier unmissverständlich ausgesprochen werden: Der Großteil der Italiener muss schlicht bescheuert sein.
Eine andere Erklärung kann es nicht geben, denn für Berlusconi zu stimmen, ist nicht entschuldbar. Einem Mann, der zigfach vor Gericht stand und wegen Meineids vorbestraft ist, offen mit Mussolini sympathisiert und mit den von dessen Enkelin geführten Neofaschisten koaliert, gebührt nicht der Sitz des Regierungschefs, sondern ein Schlafplatz "bei die Fische".

Vielleicht hatte der Erzreaktionär Joseph de Maistre recht, als er sagte, dass jedes Volk die Regierung habe, die es verdiene. Fragt sich nur, womit hat man jemanden wie Berlusconi verdient?