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Sonntag, 17. August 2008

Es gibt immer einen Grund...

An und für sich halte ich mich wacker an meinen Olympia-Boykott - was mir nicht schwer fällt, interessiert es mich doch in aller Regel nicht die Bohne, wie lang jemand braucht, um eine Runde um ein Stück Rasen zu laufen. Aber heute bin ich über einen Satz gestolpert, bei dem ich mir das Grinsen nicht verkneifen konnte: Die Leichtathletin Aishath Reesha von den Malediven hat beim 800-m-Lauf ja nicht allzu viel gerissen. Die 19-Jährige war dennoch glücklich, merkte aber an: "Die Bahn war so hart."

Nun, liebe Frau Reesha: Diese Ausrede ist fast so alt wie die Olympischen Spiele selbst. Beweis gefällig?

Mittwoch, 6. August 2008

Von China lernen heißt Pressearbeit lernen

Das Bild, das das Internationale Olympische Komitee seit geraumer Zeit abgibt, ist ja bekanntlich extrem erbärmlich. Ich will mich jetzt gar nicht auf Figuren wie Michael Vesper stürzen, der schon einiges an Schelte (aber nicht genug) einstecken musste, bloß weil er im Auslandsjournal die Pressezensur in Peking mit dem Verbot von Naziseiten in Deutschland gleichgesetzt hat. Hat er ja eigentlich ganz anders gemeint, der Michi.

Nein, ich möchte auch mal etwas Positives zum Komitee vermelden. Zur IOC-Vollversammlung am gestrigen Dienstag in Peking wurden nur 30 ausgewählte Journalisten zugelassen, TV-Kameras waren verboten - die Olympia-Dachorganisation verhält sich damit schon ganz wie der Olympia-Ausrichter. Ist es nicht schön zu hören, dass die Institution offenbar durchaus lernfähig ist? Man muss sich nur mächtige Vorbilder suchen.

Vielleicht wollten die IOC-Mitglieder aber auch einfach nicht dabei gefilmt werden, wie sie sich angesichts des zu erwartenden Reibachs den Sabber aus dem Mundwinkel wischen. Denn die Vermarktung der Spiele spült dem IOC über fünf Milliarden Dollar in die Kassen - weit mehr als bei der letzten Olympiade und so viel wie nie zuvor.

Irgendwie, so deucht mir, könnte das einiges erklären. Keine weiteren Fragen, Euer Ehren.

Donnerstag, 31. Juli 2008

Fehler 404: Diese china-unfreundliche Seite konnte nicht gefunden werden

Lange nichts mehr über Olympia und das amöbenhafte, weil rückgratlose IOC geschrieben. Da kommt mir doch die Meldung recht, dass Peking - was Wunder! - trotz früherer Zusagen nun doch den Internetzugang für Journalisten einschränkt, womit natürlich nie jemand gerechnet hätte. Die Begründung der Chinesen ist vom Feinsten: Der gefilterte Zugang, den die Zensoren gewähren, sei für die Arbeit der Journalisten völlig ausreichend - schließlich seien nur ein paar Webseiten mit nicht sportthematischen Inhalten gesperrt, etwa die von Amnesty International. Das IOC nickte diesen schamlosen, wenngleich wenig überraschenden Wortbruch nicht nur eilfertig und dienstbeflissen ab - nein, sie wirkten auch noch mit.

Noch vor wenigen Tagen verstiegen sich IOC-Präsident Jacques Rogge und sein Pressechef Kevan Gosper zu der Behauptung, es gebe keine Internet-Zensur mehr in China. In was für einer Welt leben diese Männer eigentlich? Schon Rogges vor einigen Monaten verzweifelt hervorgestammelte Aufforderung an Peking, doch bitteschön jetzt mal mit den vereinbarten Menschenrechtsverbesserungen zu beginnen, wirkte derartig weltfremd, dass man sich fragen muss, ob der Mann noch bei Trost ist. Und das betrifft nicht nur Rogge: Auch Gosper beklagte sich nun, das Olympische Kommitee sei ohnmächtig - das chinesische Regime lasse sich halt nicht vorschreiben, ob es das Internet zensiere oder nicht.

Kleine Anmerkung meinerseits: Das hättet ihr auch vorher wissen können. Ein Blick ins Internet hätte gereicht. Aber wenn man selbst sowieso nur Sportseiten anklickt, wird das eben nichts.

Mittwoch, 9. April 2008

Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass

Auch auf die Gefahr hin, dass dieser Blog derzeit etwas monothematisch daherkommt: Olympia, mal wieder. Nachdem das Nationale Olympische Komittee beschlossen hat, jegliche politische Agitation den einzelnen "mündigen" Sportlern zu überlassen, wollen diese nun wissen, was sie sagen dürfen und was nicht. Typisch deutsch. Politische Aktionen schön und gut, aber was, wenn das verboten ist...? Mein Tipp: am besten gar nix sagen, gibt eh' nur Scherereien. Hinterher ist dann das Geschrei groß und keiner will's gewesen sein.

Aber falls der geforderte Maulkorb-Leitfaden tatsächlich erstellt werden soll, würde ich empfehlen, die PR-Agentur Hill & Knowlton zu beauftragen. Das wäre sicherlich die effektivste Methode, denn diese Leute kennen sich im Thema aus:
"Die PR-Profis kennen offensichtlich keine Scheu, sich die Finger schmutzig zu machen, beraten neben dem IOC auch die chinesische Regierung und das Pekinger Organisationskomitee für Olympia. Das sorgt sicherlich für kurze Kommunikationswege. Ein Schelm, wer hier eine Interessenverquickung sieht."
Und außerdem konnte die Agentur schon in der Vergangenheit bemerkenswerte Erfolge vorweisen, etwa mit dem legendären Auftritt der heulenden kuwaitischen Krankenschwester vor dem US-Kongress im Vorfeld des Zweiten Golfkrieges, die erzählte, wie irakische Soldaten Babys aus den Brutkästen gerissen hätten. Das war bekanntlich ebenso erfunden wie ihre Krankenschwester-Identität: es handelte sich um die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA. Für diese Aufführung gab es zwar keinen Oscar, aber immerhin einen ordentlichen Krieg.

Dass sich die Olympia-Funktionäre mit derart verabscheuungswürdigen Propagandisten einlassen, ist traurig - passt aber irgendwie zum beschämenden Gesamtbild, dass das IOC im Zuge der Tibet-Krise bietet.

Dienstag, 8. April 2008

Wer die Fackel auspustet, darf sich etwas wünschen

Ein jämmerliches Bild: Die Olympische Fackel, von den Nazis eingeführtes Sinnbild für Frieden und Völkerverständigung (<- bitte nochmal lesen), muss auf ihrem Weg durch Europa von chinesischen Gorillas in häßlichen Jogginganzügen vor den aufgebrachten Tibet-Demonstranten bewacht und bei Bedarf - sprich: wenn einer der Protestler zu nahe kommt - kurzerhand ausgeblasen werden. Falls sich die Sicherheitskräfte dabei auch etwas wünschen durften, war es sicherlich der Wunsch, dass die Etappe über den Mount Everest abgesagt wird.

Niemand scheint zu wissen, wessen Befehl die Wachen eigentlich unterstehen - die lokalen Polizeiapparate in London und Paris scheinen es jedenfalls nicht zu sein. Gerüchten zufolge handelt es sich um Elitesoldaten. Der Fackelläufer wird von ihnen eingekeilt wie ein US-Politiker in Bagdad. Und dass die Flamme dauernd ausgepustet wird, spielt keine Rolle, denn es wird eine "Mutterflamme" im Bus mitgeführt, an der man sie jederzeit wieder entzünden kann. Ein Feuerzeug reicht hier nicht, schließlich gilt es, die mystische Verbrämtheit aufrechtzuerhalten, die diesem Lauf künstlich eingehaucht worden ist.

Das Ganze wird zu einer immer unglaublicheren Farce. "Abscheuliche Missetaten" nennt Peking die Protestaktionen - starker Tobak von Seiten einer Regierung, die gerade hunderte Tibeter umgebracht hat. Ein Umdenken ist hier erforderlich, um solche unschönen Demo-Bilder zukünftig zu vermeiden. Ich schlage vor, die Flamme den Rest des Weges in einem Panzer zu transportieren. Die Route wird immer schon einen Tag vorher weiträumig abgesperrt. Tibeter, Exiltibeter und Leute, die aussehen wie Tibeter, werden vorübergehend unter Hausarrest gestellt. So sollte der Fackellauf stölungsflei und oldnungsgemäß zum planmäßigen Ende geblacht welden können. Schließlich handelt es sich veldammt noch mal um ein Symbol des Fliedens, und wenn das in eulen §$%#& Schädel nicht leingeht, dann welden wil...

Montag, 24. März 2008

Von deutschem Boden darf nie wieder ein Boykott ausgehen!

Da die Spiele-Verderber in Tibet weiter darauf beharren, wahrgenommen zu werden, fühlen sich die Olympia-Funktionäre nunmehr genötigt, Klarheit zu schaffen - und ihre Stellungnahmen sind an Unehrlichkeit, Egoismus und politischer Unbedarftheit kaum zu überbieten. Ein ebenso trauriges wie peinliches Symbol für den offiziellen Umgang der Sportoberen mit der Tibetkrise lieferte jetzt das griechische Fernsehen bei der Übertragung der Zeremonie zur Entzündung der olympischen Flamme. Kaum waren protibetische Demonstranten im Bild, waren sie auch schon wieder heraus und wurden durch heimelige Naturaufnahmen ersetzt.

Vorangeprescht sind bei dem Boykott der Boykottfrage natürlich wieder mal die Deutschen, die jetzt klipp und klar gemacht haben, dass sie auf alle Fälle teilnehmen werden und daran erinnerten, dass der Boykott der Spiele in Moskau 1980 auch nichts gebracht habe. Vor einer Woche klang das aus dem Mund von DOSB-Chef Thomas Bach noch so: "Der Boykott wäre der falsche Weg, weil dadurch Gesprächsfäden abgeschnitten würden." Das ist natürlich Unsinn und widerspricht der IOK-Eigeninterpretation: Wenn die Spiele wirklich unpolitisch sind, bilden sie auch keine Gesprächsfäden zur chinesischen Regierung - Gespräche laufen auf dem diplomatischen Weg und nicht auf der 100-Meter-Bahn.

Sinniger ist da das Schlupfloch, das Bach zu Ostern aus dem Ärmel gezaubert hat und mit dem er die moralische Verantwortung den Athleten zuschanzt. In der offiziellen Erklärung zur Teilnahme an den Spielen heißt es:
"Der DOSB bekennt sich zum Prinzip des ,Mündigen Athleten'. Jedem Mitglied der DOSB Olympiamannschaft wird es im Rahmen der Regeln der Olympischen Charta möglich sein, seine Meinung vor, während und nach den Olympischen Spielen frei zu äußern."
Dumm nur, dass die Olympische Charta im Abschnitt 51 jedwede politische Agitation untersagt: "No kind of demonstration or political, religous or racial propaganda is permitted in any Olympic sites, venues or other areas." Glückwunsch, Herr Bach, zu diesem raffinierten Trick 17, mit dem der DOSB aus dem Schneider ist. Sie könnten fast Politiker werden.

A propos Politiker. Der stellvertretende Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses Peter Rauen (CDU) befürwortete die Teilnahme mit der Begründung, die Spiele in Peking seien "die große Chance, konkrete Verbesserungen zu erreichen. Ein Boykott der Spiele würde die Lage der Menschenrechte nur verschlechtern." Na, wir alle wissen ja, wie sehr die Olympischen Spiele von 1936 - die von keinem Land boykottiert wurden - dazu beigetragen haben, die Menschenrechtslage im Nazireich nachhaltig zu verbessern: Schließlich wurde bereits 13 Jahre später eine demokratische Verfassung erlassen. Spaß beiseite: Natürlich ist China nicht Hitlerdeutschland - aber die Vorstellung, dass ein vierwöchiges Sportfest eine Diktatur zu dauerhaftem Beachten der Menschenrechte veranlassen könnte, ist schon geradezu rührend naiv.

Fehlt nur noch IOK-Präsident Jacques Rogge, der sagte, ein Boykott würde nur "unschuldige Athleten" treffen. Nun, im Moment werden vor allem unschuldige Tibeter getroffen, und zwar von Knüppeln und Kugeln. Leitet sich daraus nicht ein gewisser, ähm, Handlungsbedarf ab? "Die Spiele müssen in einer friedlichen Atmosphäre stattfinden", legte Rogge jetzt nach, und in dem Punkt können wir beruhigt sein: In Peking wird es im August sowas von friedlich zugehen, dafür werden die Sicherheitskräfte schon sorgen. Und im Zweifelsfall blenden die beteiligten Fernsehsender dann eben hübsche Bilder von Chrysanthemen ein.

Montag, 17. März 2008

Lasst die Spiele beginnen - oder auch nicht

Boykottieren? Oder nicht? Hat die olympische Idee mehr Gewicht als ein politisches Signal - und wäre ein Boykott überhaupt das richtige Signal? Die Frage, ob man an den Spielen in Peking teilnehmen soll, wird hitzig diskutiert. Keine einfache Frage - die großen Olympia-Boykotte von 1976, 1980 und 1984 hatten immerhin den Kalten Krieg bzw. das südafrikanische Apardheitsregime im Fokus. Würde man China mit einem solchen Schritt nicht zum Antipoden der Weltgemeinschaft erklären?

Schon nach den wenigen Tagen, in denen Tibeter wieder niedergeknüppelt und erschossen sowie etwaige Augenzeugen aus dem Land geworfen werden, ist zumindest eines klar: Die Diskussion um die Olympischen Spiele ist die einzige, die betreffend des Umgangs mit China überhaupt ernsthaft geführt wird. Den Politikern scheint's nur recht zu sein, denn die scheinen das Thema nicht mit der Beißzange anfassen zu wollen. Nehmen wir als Beispiel Außenminister Frank-Walter Steinmeier ("The next Kurti Beck"). Der sagte zum gewaltsamen Vorgehen der chinesischen Truppen: "Wir [die EU] haben appelliert, das Gespräch mit den Repräsentanten der Tibeter zu suchen, um zu einer Beilegung der aktuellen Streitigkeiten zu kommen." Whoo-hooh! Das nenne ich eine volle Breitseite. Ich hätte zu gerne gesehen, wie Hu Jintao schlotternd zu Boden gesackt ist, als ihn diese Aussage erreichte.

Nein, im Ernst: Einen noch weichgespülteren Satz kann ich mir auch aus Politikermund kaum vorstellen. Allerdings muss bei Steinmeiers Zurückhaltung ein gewisses Maß an Ehrlichkeit konstatiert werden, denn mehr als dieser nicht einmal halbherzige Appell wird nicht kommen. Zum einen vermute ich einmal, dass Angela Merkel keinen gesteigerten Wert darauf legt, dass öffentlich erörtert wird, ob der Empfang des Dalai Lama die Eskalation eventuell befördert haben könnte. Und zum anderen: Wer legt sich schon mit dem Reich der Mitte an? Sicher nicht die deutsche Politik, der die Wirtschaft im Nacken sitzt, die in den letzten Jahren unfassbare Beträge in China investiert hat. Und auch nicht der Durchschnittsbürger, der die Bilder aus Lhasa vielleicht schrecklich findet, andererseits aber auch nicht auf DVD-Player für 40 Euro verzichten mag.

Das ist die traurige Realität auf dem diplomatischen Parkett, auch im beginnenden 21. Jahrhundert: Freund ist nicht, wer dieselben Überzeugungen teilt - Freund ist, wer wirtschaftlich oder strategisch etwas zu bieten hat. Da kann Russland noch so viele Tschetschenen auf dem Gewissen haben, die USA noch so viele Angriffskriege führen oder China noch so viele Dissidenten, Uiguren, Tibeter oder wen auch immer massakrieren.

Olympische Idee? Schon die Entscheidung für Peking als Austragungsort war politisch motiviert. Olympia wird schon seit Jahrzehnten politisch instrumentalisiert. Und während sich Sportfunktionäre den Kopf darüber zerbrechen, ob die olympische Fackel durch Tibet getragen werden sollte, frage ich mich: müssen in einem Land, das die Menschenrechte offen mit Füßen tritt, eigentlich erst Spiele stattfinden, bevor öffentlich darüber gesprochen wird? Falls ja, fielen mir eine Menge Städte ein, die als nächste Austragungsorte in Frage kämen.