Posts mit dem Label Geschichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Geschichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 6. März 2011

Einstand nach Moaß

Fast könnte man Mitleid mit ihm haben: Kaum nimmt Hans-Peter Friedrich auf dem noch warmen Sessel des Innenministers Platz, fliegt ihm schon alles um die Ohren und bezieht er Dresche, weil er meinte, zum Einstieg was über das Dauerreizthema Islam sagen zu müssen. Naja, und wenn ein CSU-Politiker zu diesem Thema den Mund aufmacht, kann das ja auch nicht gutgehen. Dabei ist an dem fraglichen Satz an sich zunächst eigentlich nichts auszusetzen. An Friedrichs mutmaßlicher Intention und offenkundiger Interpretation allerdings schon.

Freitag, 4. Februar 2011

Friede den Mietwohnungen, Krieg den Museen

Die Zeiten sind bekanntlich hart, und viele Menschen auch in Deutschland kämpfen um ihr Überleben oder stehen vor dem Nichts. So auch die Dynastie der Wettiner, die es besonders schlimm getroffen hat: Eben noch - also bis zum großen Adelsreinemachen 1918 - saß man auf einem richtigen Thron in einem richtigen Schloss und verurteilte richtige Aufrührer zu richtigen Todesstrafen, heute sitzt man auf einem Küchenstuhl "Börje" in einer tristen Mietwohnung und guckt Dschungelcamp (wo man vielleicht demnächst zu landen droht). Das Elend dieser Familie schreit zum Himmel - und die sächsische Landesregierung antwortet. Und hilft gerne.

Sonntag, 8. August 2010

Sternstunden des Lokaljournalismus oder: Wer den Taler nicht ehrt

Es gibt Dinge, die man aus den Köpfen von Journalisten schlicht nicht herausbekommt, egal ob man sie prügeln, mit Stromschlägen traktieren oder einer Gehirnwäsche unterziehen würde. Zu diesen Dingen gehört das immer wieder bemühte Umrechnen historischer Geldbeträge in moderne Währungseinheiten. Daran sind schon gestandene Wissenschaftler gescheitert, was aber die hiesige Zeitung natürlich nicht davon abhält, es in einer Geschichte über einen Kanalbau im 19. Jahrhundert trotzdem zu versuchen:

Montag, 16. November 2009

Verdienstkreuz als Kreuzfahrerorden

Wofür man heutzutage so alles das Bundesverdienstkreuz bekommt... zu den neuesten Trägern des begehrten ausgestanzten Blechteils gehört nun auch Hubertus Knabe, seines Zeichens Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen und missionarischer Eiferer gegen die Linke. Den Orden erhalte er für sein Engagement "für Freiheit und Demokratie und für die Aufarbeitung des SED-Unrechts", heißt es; und ich möchte hinzufügen: Offenbar auch dafür, rot und braun ständig in einen Topf zu werfen und die bloße Existenz der Linkspartei als eine Art von langer Hand geplanter stalinistischer Verschwörung anzusehen.

Freitag, 16. Oktober 2009

Setzen, Sechs!

Liebe "Tagesthemen"-Redakteure; eigentlich dachte ich ja, ihr hättet aus den doch recht peinlichen Vorfällen der Vergangenheit etwas gelernt. Leider jedoch scheinen bei euch immer noch minder qualifizierte Praktikanten die Texte zu schreiben. In der Ausgabe vom Donnerstagabend hieß es (aus dem Gedächtnis zitiert): "... man könnte es so machen wie US-Präsident Theodore Roosevelt. Der hat in den Zeiten der Großen Depressionen in den 30er-Jahren viel Geld ausgegeben, statt zu sparen ..." - Das glaube ich kaum. Teddy Roosevelt war zum Börsenkrach 1929, der die Depression einleitete, immerhin schon seit zehn Jahren tot. In den 30er Jahren war er noch viel toter.

Sonntag, 23. August 2009

Oh je - die Geschichte des Dritten Reichs muss mal wieder neu geschrieben werden

Falls jemand im Rahmen der inflatulenz inflationären Hitler-Berichterstattung in TV und Printmedien gerade ein absolutes Reißerthema bzw. einen spektakulären Titel für eine noch zu produzierende Doku bzw. Hintergrundstory sucht: die Blödzeitung hat die Messlatte in dieser Hinsicht ziemlich hoch gelegt.

Das auf dem aktuellen Screenshot erwähnte "Geheimdokument" ist allerdings streng genommen nicht mehr so ganz geheim, nachdem sein Inhalt vor einem halben Jahr durch die üblichen Gazetten gejagt und das Papier selbst bei Sotheby's versteigert worden ist. Und worin die so verschwörerisch angekündigte "Wahrheit" bestehen soll, kommt im entsprechenden Artikel auch nicht so richtig rüber - vielleicht stanken Hitlers Pupse schlimmer als andere. Und vielleicht liegt hier auch der Grund für die braunen Uniformen. Man weiß es nicht.

Samstag, 23. Mai 2009

Vom Händewaschen und Kreidefressen

Der uniformierte Mörder Benno Ohnesorgs war also Stasi-Spitzel - diese von Historikern ans Licht gebrachte Information ist für die Springerpresse natürlich ein Freibrief, die ganze Geschichte wiederzukäuen und sich selbst nachträglich von jeder Mitschuld am Tod des Studenten freizusprechen. Immerhin hat es der gute Benno gestern geschafft, mit seinem Tod auf die Titelseite der "Bild" zu kommen - das war am 3. Juni 1967, dem Tag nach dem tödlichen Schuss, meines Wissens nicht der Fall. Die suggestive Frage "Muss die Geschichte der Linken neu geschrieben werden?" stammt indes nicht nur von "Bild", sondern wird auch von Spon gestellt - und ich bin mal so frei, zu antworten: Nein, muss sie natürlich NICHT.

Denn als Karl-Heinz Kurras Ohnesorg mit einem Kopfschuss tötete, handelte er als bundesdeutscher Polizist und nicht als Stasi-Informant. Es ist eine Sache, ob er dem DDR-Geheimdienst steckte, wann wer in seiner Dienststelle aufs Klo ging; aber eine ganz andere Sache, was an diesem 2. Juni in Berlin geschah. Und solange sich kein Hinweis findet, dass Kurras auf Geheiß der Stasi gehandelt haben könnte, als er die Schüsse abgab, ändert sich nichts an der Tatsache, dass Ohnesorg wie viele andere Opfer einer überbordenden Gewaltstrategie der Berliner Polizei unter der Leitung eines ehemaligen Wehrmachts-Stabsoffiziers wurde und von einem Waffennarren, der sich auch Jahre später noch wünschte, er hätte das ganze Magazin leergeschossen, getötet wurde.

Schuld und Sühne

Das ficht die Springerpresse natürlich nicht an. Hier bietet sich ihr die einmalige Chance, sich von der historischen Schuld freizusprechen, die immer noch an ihr haftet - nämlich die nationalkonservativ bis rechtsradikale Stimmung im Land in jener Zeit künstlich aufgeheizt und damit ein Klima geschaffen zu haben, das später auch einen Arbeiter dazu brachte, auf Rudi Dutschke zu schiessen. Damals hat man im Pressehaus nicht nur die Hände in Unschuld gewaschen, sondern den Spieß auch noch umgedreht und die Studenten als Aggressoren hingestellt. Das ist eine Schuld, für die die Springer AG bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen wurde.

Was jetzt geschieht, wäre ja eigentlich lustig, wenn es nicht so pervers wäre: Bei Bild.de gab's zum Frühstück eine Familienpackung Kreide und so wurde nun ein Spezial zum Thema eingerichtet unter dem Titel "Der Fall Benno Ohnesorg. Alle Infos, alle Hintergründe". Nun, strenggenommen vielleicht nicht alle Hintergründe; aber immerhin zeigt Bild.de eine nicht enden wollende Bildergalerie mit trauernden Studenten, die gegen den Mord protestieren. Als nächstes bringt Bild.de sicher eine tränenreiche Geschichte rund um Ohnesorgs Familie.

Mord und Totschlag

Nun ist erneut Strafanzeige gegen Kurras erhoben worden - ausgerechnet vom "Verein der Opfer des Stalinismus", einer Gruppe, die zum Teil deutlich nach rechts tendiert und von der sich 67er-Studenten wie Ohnesorg wohl ferngehalten hätten. Ein viel zitierter Satz aus der Anzeige lautet: "Mord verjährt nicht." Das ist einer der Grundsätze des Strafrechts und könnte interessant werden. Denn Kurras ist zweimal in höchst bedenklichen Verfahren freigesprochen worden - vom Vorwurf der "fahrlässigen Tötung", mehr war das zu der Zeit nicht. Es bleibt abzuwarten, ob es wirklich zu einem neuen Verfahren gegen den heute 81-Jährigen kommt. Festzuhalten bleibt aber wohl schon jetzt: Erschießt ein deutscher Polizist einen Studenten, ist es "fahrlässige Tötung"; erschießt hingegen ein Stasispitzel einen Studenten - dann, ja, dann ist es Mord.

Egal, wie es ausgeht: "Bild" kann in dieser Geschichte nicht verlieren. Und für alle, die es ganz genau wissen wollen, hat sich das Revolverblatt nicht einmal entblödet, unter der Überschrift "Was wäre, wenn...?" ein wildes Sammelsurium an Spekulationen zusammenzufabulieren, was wohl passiert wäre, hätte man die Sache mit der Stasi damals schon gewusst. Da hätte ich einen Gegenvorschlag: Was wäre gewesen, wenn sich Axel Springer während seiner Geburt an der Nabelschnur stranguliert hätte?

Dienstag, 24. März 2009

Mögen die Spielchen beginnen

Gong frei - oder besser: Feuer frei - zur ersten Runde im Linken-Bashing, Edition 2009: Ziemlich genau ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl wird die erste mediale Breitseite auf den politischen Gegner, auf den sich alle einigen können*, abgegeben. Den Feuerbefehl gibt der Spiegel, als Richtkanonier fungiert ein Historiker mit merkwürdigen Ansichten - und als Munition dienen Stereotypen und halbgare Scheinargumente, die vom letzten Stammtisch übrig geblieben sind, aber durch ihre vielen Wiederholungen auch nicht besser werden.

Wer ist dieser Hubertus Knabe? Zunächst einmal Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, einer Einrichtung, die sich mit der Aufarbeitung der DDR-Verbrechen befasst. Da mag man ihm zwar ein bisschen Betriebsblindheit zugestehen. Aber zugleich ist er auch jemand, der als eigentlichen "Tag der Befreiung" den 9. November 1989 sieht - und nicht den 8. Mai 1945. Damit stuft er die NS-Herrschaft zu einer bloßen Episode herab, die in ihrer historischen Bedeutung offenbar hinter dem SED-Regime zurückstehe. Außerdem sieht Knabe die Studentenbewegung der späten 60er Jahre als eine Art fünfter Kolonne der Stasi, wollte schon mal einen Preis stiften, der den Namen eines NS-Funktionärs, der mit der "Arisierung" jüdischer Vermögen zu tun hatte, tragen sollte und verurteilt Linke-Abgeordnete im Alleingang und ohne Beweise als Stasi-Leute.

Mit dieser Form von Propaganda ist Knabe gern gesehener Gast in Zeitungen wie der FAZ oder der "Welt". Letztere hat mit Überschriften wie "Die Linke als Erzfeind der Demokratie" oder "Der Feind steht links" schon geradezu Völkischer-Beobachter-Qualitäten erreicht. Gefeiert wird Knabe übrigens auch von Zeitungen wie dem "Ostpreußen-Blatt". Und auch der Spiegel greift gerne auf den von leichtem Verfolgungswahn gebeutelten Historiker zurück, wenn es darum geht, die Linke-Abwehrkanonen in Stellung zu bringen.

Und was sind nun die Worthülsen, aus denen er seine Agitation zusammenbastelt?
  • "Mehr als die Hälfte der Parteimitglieder gehörte bereits der SED an." Das ist nun leider so in einem totalitären Staat. Mehr als 2,2 Millionen Menschen gehörten 1989 der SED an - das sind aber doch nicht alles Folterknechte und Mauerschützen gewesen. Sollen die nun alle aus dem politischen Leben ausgeklammert werden?
  • "Sie [die Linke] agitiert gegen Amerika und gegen die westliche Staatengemeinschaft, auch gegen Israel. Hier werden starke antidemokratische Affekte sichtbar, die wir aus unserer Geschichte zur Genüge kennen." Mal abgesehen vom wirren Nazivergleich, für den Knabe mindestens zehn Euro ins Phrasenschwein werfen müsste - was ist wohl antidemokratischer: Kritik an der Politik anderer Staaten zu üben oder Leute, die das tun, als "antidemokratisch" zu diffamieren?
  • "Überall dort, wo die Linke an die Macht kam, hat sie ihr Parteiprogramm in den Wind geschrieben und keineswegs versucht, den Sozialismus einzuführen. Dazu fehlte ihr auch die Macht. Die bisherigen Regierungsbeteiligungen dienten einem anderen Zweck: nämlich die Partei politisch hoffähig zu machen. Es liegt in der Natur der Sache, dass man dies nicht durch Revoluzzertum gefährden will." - Aha. DAS ist also der große linke Plan 9 aus dem Weltall. Raffiniert! Knabe hat SIE und ihre finsteren Weltherrschaftspläne durchschaut! Ja, wenn man die Tabletten absetzt, bekommt man den richtigen politischen Durchblick. Aber im Ernst: Wer so argumentiert - jede Begebenheit, jede Aktion und jede Information in ein vorgefertigtes und auf einem Bedrohungsszenario basierendes Weltbild aufbaut - der ist kein Wissenschaftler mehr, sondern Verschwörungstheoretiker.
Und aus diesem Grunde habe ich jetzt auch keine Lust mehr, mich weiter mit Herrn Knabe zu befassen. Wer eine aktive Rolle bei der Stasi gespielt hat, ist ebenso ungeeignet für ein politisches Mandat wie jemand, der eine leitende Funktion im Unterdrückungsapparat der DDR innehatte - so weit stimme ich ohne wenn und aber mit Knabe überein. Aber einer ganzen Partei mit immerhin 76.000 Mitgliedern, davon vielen aus Westdeutschland, die demokratische Legitimation abzusprechen - O-Ton: "Diese Partei sollte schon aus moralischen Gründen verschwinden" - das ist der Gipfel der Antidemokratie. So wie Knabe argumentieren Faschisten.

Ein Vorhutgefecht gab es in diesem Zusammenhang übrigens auch schon: Erwin Sellering, seines Zeichens SPD-Ministerpräsident in MeckPomm, hat es gewagt anzumerken, ob es nicht erlaubt sein dürfe zu fragen, ob es nicht auch ein kleines bisschen Gutes in der DDR gegeben haben könnte. Ich vermag das nicht zu beurteilen; ich habe nicht dort gelebt. Aber eines kann ich sehr wohl beurteilen: Die öffentlichen Prügel, die Sellering - der an der Tatsache, dass es sich um ein Unrechtsregime handelte, überhaupt keinen Zweifel ließ - von konservativer Seite nun bezieht, dünken mich eine weitaus größere Bedrohung demokratischer Normen zu sein als alles, was die Linke in ihr Programm schreiben könnte.

Denn hier werden schon laut geäußerte Gedanken unter mediales Kriegsrecht gestellt. Statt gebetsmühlenartig auf die Linke zu zeigen und "SED!" zu schreien, könnte es zwischendurch auch nicht schaden, mal die aktuelle politische Kultur in diesem Lande unter die Lupe zu nehmen. Denn die nimmt allmählich wirklich beängstigende Formen an.



*NPD und Konsorten sind bekanntlich keine politischen Gegner, sondern schlicht Arschlöcher.

Montag, 16. Februar 2009

O tempora, o mores!

Historiker und Archäologen haben herausgefunden, dass schon die ollen Wikinger im wahrsten Sinne des Wortes mit Billigprodukten zu kämpfen hatten, die einen Tag nach Ablauf der Garantie kaputt gingen. Schwerter waren es, die trotz eingenähtem Etikett eingeritztem Logo nicht vom berühmten Ulfberth, sondern wohl von Rubens Reste-Rampe stammten. Damit dürfte letztlich geklärt sein, warum die Wikinger-Raubzüge im 11. Jahrhundert plötzlich endeten. Schade, dass die Wikinger keine Zeitungen hatten ("Skandal - Jeder vierte Nordmann mit Billigschwert unterwegs"; "Häuptling Sven Schwarzzahn spricht auf Gipfeltreffen mit König Blaubart Problem der Produktpiraterie an"; "Engländer überschwemmen Markt mit kopierten Trinkhörnern").

Ich freue mich auf weitere Entdeckungen. Als nächstes finden die Forscher noch heraus, dass die seinerzeit verkauften "echten Splitter vom Kreuze Christi" in Wahrheit vom Brennholzstapel des Vatikans stammten. Oder dass der heilige Hyazinth, gemessen an der Zahl der kursierenden Reliquien, offenbar über so viele Fingerknöchelchen verfügte, dass er einen ziemlich monströsen Anblick dargestellt haben muss. Man darf gespannt sein.

Donnerstag, 26. Juni 2008

Das kann doch einen (Möchtegern-)Seemann nicht erschüttern

Gestern wurde in Hamburg das "Internationale Maritime Museum" eröffnet. Es präsentiert die größte maritime Sammlung der Welt in einem beeindruckenden alten Speichergebäude - sicher mittelfristig eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Hansestadt, aber nicht jeder ist glücklich damit. Und das aus gutem Grund.

Bereits im Vorfeld gab es massive Kritik an der Schau des Museumschefs Peter Tamm, seines Zeichens früherer Vorstandsvorsitzender des Springer-Verlages. Dessen Sammelwut hatte diese riesige Privatsammlung hervorgebracht, die er bis vor wenigen Jahren in seiner Villa in der Elbchaussee unterbrachte. Tamm, der offenbar bei Springer ganz gut verdient hat, stopfte dieses Gebäude voll mit Schiffsmodellen, Uniformen und Waffen und platzierte Torpedos, Geschütze und ein komplettes Schnellboot in seinem Garten. Vermutlich verfügte Peter Tamm über mehr Feuerkraft als die finnische Marine.

Worüber er auf jeden Fall verfügt, ist ein ausgeprägt autoritäres Weltbild. Er sieht die Befehlshierarchie auf einem Schiff - wo der Kapitän unumschränkt das Sagen hat - als Vorbild für ein funktionierendes Staatswesen: "Da gibts nicht so viel Gerede, sondern wäre 'ne klare Ordnung", meinte er einmal; und selbst Axel Springer soll ihn bisweilen als Rechtsradikalen bezeichnet haben. Außerdem wäre er nach eigenem Bekunden gerne Admiral geworden. Dementsprechend sei die Ausstellung viel zu militärlastig und geradezu kriegsverherrlichend, heißt es seit geraumer Zeit von Seiten der Museumsgegner. Ich vermag das nicht zu beurteilen, ohne mir das Museum gründlich angesehen zu haben. Ich halte es aber für nicht unwahrscheinlich.

Das scheint mir aber auch nicht das Hauptproblem zu sein, denn eine militärverherrlichende Ausstellung ließe sich normalerweise notfalls immer noch neu konzipieren. Aber nicht in diesem Fall, nicht in den nächsten paar Jahren. Und das ist der eigentliche Skandal. Denn Tamm kann in seinem (!) Museum machen, was er will. Wer ihn zu stören versucht, wird vermutlich auf eine Kanone gebunden und mit der neunschwänzigen Katze bearbeitet.

Die Stadt Hamburg überließ der eigens eingerichteten "Stiftung Peter Tamm" als Träger des Museums 2002 den unter Denkmalschutz stehenden Kaispeicher B für nicht weniger als 99 Jahre - und zwar für lau. Den nötigen Umbau finanzierte die Hansestadt mit 30 Millionen Euro - mehr, als alle anderen Museen zusammen an Zuschüssen bekamen. Ermöglicht hat dies die Kultursenatorin Dana Horáková, die 2002 von der unheiligen Senats-Allianz aus CDU, FDP und Schill-Bande ernannt wurde und - welch Zufall aber auch! - zuvor als Redakteurin für die "Bild"-Zeitung und die "Welt am Sonntag" arbeitete. Kurz: Ehemalige Springer-Angestellte schiebt ehemaligem Springer-Chef Millionen an öffentlichen Geldern über den Tisch, damit der sich seinen Kindheitstraum erfüllen kann. Nebenbei gesagt war es auch Frau Horáková, die ihrem Ex-Chef den Professorentitel zugeschanzt hat.

Aber es kommt noch schlimmer. Die Stadt Hamburg, die so viel Geld locker gemacht hat, verzichtet auf jegliches (!) Mitspracherecht bei der inhaltlichen Konzeption des Museums. Dies geht aus dem zwischen der Stadt und der Tamm-Stiftung geschlossenen Vertrag hervor:

Die Vertragsparteien stellen ausdrücklich klar, dass das alleinige Entscheidungsrecht über die Präsentation der musealen Sammlung Peter Tamm, die Auswahl der Exponate, die Gewährung und Entgegennahme von Leihgaben, die Durchführung von Ausstellungen, Vorträgen und der gesamte Betrieb des Museums allein bei der Peter Tamm Sen. Stiftung liegt.” - zit. nach F. Möwe, Tamm-Tamm, Hamburg 2005, S.80

Der Vorstand der Stiftung besteht aus Tamm und seiner Geschäftsführerin, wobei im Zweifel Tamms Stimme entscheidend ist. Darüber hinaus ist die Finanzierung des laufenden Betriebs noch keineswegs gesichert - die Stiftung verfügt trotz Spenden aus der hamburgischen Wirtschaft nicht über genügend Kapital; außerdem wird sich zeigen, ob die recht hoch angesetzte Kalkulation von 150.000 Besuchern jährlich aufgehen wird. Es ist abzusehen, dass das Museum der Stadt noch mehr Geld kosten wird.

Nicht falsch verstehen: Ich finde es höchst erfreulich, wenn Steuergelder auch mal wieder für Museen ausgegeben werden. Aber die Öffentlichkeit - sprich: die Politik - darf sich dabei nicht ihrer Aufsichtsmöglichkeit entledigen; schon gar nicht, wenn die Gefahr besteht, dass sie ansonsten nur den Goldesel für die militaristisch-feuchten Träume eines waffenverliebten Marinefetischisten abgibt. Die Entstehungsgeschichte des Tamm-Museums scheint mir so sehr dem hanseatischem Klüngel zu entspringen (von dem sich offenbar auch der Spiegel nicht freimachen kann, da er auf jegliche kritische Reflexion verzichtet), dass die Finanzierung schon fast einer Veruntreuung öffentlicher Gelder gleicht.

Dienstag, 3. Juni 2008

Madame Tussaud's proudly presents: Mr Hitler, back in Berlin

Im Juli wird Madame Tussaud's ein Wachsfigurenkabinett in Berlin eröffnen. Mit dabei, zumindest als Figur: Adolf Hitler. Jedenfalls, wenn es nach der M.T.-Geschäftsführung geht, die gar kein Problem darin sieht. Schließlich stünden Hitler-Figuren auch in anderen Niederlassungen, von denen es weltweit bislang sieben gibt. Die M.T.-Planer weisen durchaus zu Recht darauf hin, dass ohne Hitler eine Lücke in der Ausstellung klaffen würde. Also bitte: Berlin ohne Hitler, das wäre ja wie... ääh... Berlin ohne Hundescheiße.

Oder Bundeswehr ohne Eisernes Kreuz auf den Panzern? Oder Schützenfest ohne König... Wie auch immer: Der historische Anspruch, den Politik und Vertreter der Gedenkstätten an die Ausstellung anlegen, ist ohnehin sinnlos: Niemand geht in ein Wachsfigurenkabinett, um sich historisch zu bilden. Das wäre, als würde man die Bild-Zeitung lesen, um politischen Durchblick zu erlangen.
Nein, die M.T.-Besucher wollen einfach nur sehen, wie die ollen Berühmtheiten aussahen - und da man das in aller Regel durch zahllose Fotos und Filme ohnehin schon weiß, geht es im Grunde genommen um eines: Zu sehen, wie groß die Leute waren. Um anschließend festzustellen, dass unzählige Hekatomben von Toten auf das Gewissen von zu kurz geratenen Männern gehen.

Nun gibt es arge Bedenken, die M.T.-Niederlassung in Berlin könnte zu einem Anlaufpunkt für Neonazis werden, die sich mit der Figur fotografieren lassen. Darauf würde ich es ankommen lassen. Zunächst einmal könnte es einen heilsamen Schreck geben, wenn diese selbsternannten Herrenmenschen sehen, was für eine mickrige kleine Schießbudenfigur ihr Führer war. Und falls das nicht reicht, könnte man die Bodenplatte um die Figur herum bei Bedarf unter Starkstrom setzen. Der Wachtposten, der nach der bisherigen Planung sowieso immer anwesend sein soll, würde eine Fernbedienung bekommen - und sobald so ein Drecksnazi den Arm um seinen Führer legt und mit erhobenem Daumen in die Kamera seines Kumpels grient: *BRAAAATZ!* Vielleicht wird durch den Stromschlag sogar das Gehirn in Gang gesetzt.

Hat ja schließlich bei Frankensteins Monster auch gewirkt.

Dienstag, 13. Mai 2008

Viel Lärm um... ja, was eigentlich?

Der Sommer kommt, die Schwalben fliegen tief, über Birma will niemand mehr etwas lesen - Zeit für den nächsten Hitlervergleich. Die Akteure: Hugo Chávez, meistgehasster Staatschef der kapitalistischen Welt, als Provokateur und Angela Merkel in ihrer angestammten Rolle als Opfer. Und wieder wird Zeter und Mordio geschrien, was natürlich auch irgendwie klar ist; niemand wird schließlich gerne mit Hitler in einem Atemzug genannt. Aber in diesem Fall hatte der wirre Hugo gar nicht so unrecht.

Merkels Partei gehöre zu "derselben Rechten, die Hitler und den Faschismus unterstützt hat", polterte Chávez. Nun, die CDU ist mit Sicherheit keine linke Partei, da sind wir uns alle einig. (Wer dem nicht zustimmt, darf diese Seite jetzt gerne verlassen.) Und dass Hitler von Teilen der bürgerlichen Rechten, aus der die CDU später hervorgehen sollte, schon vor 1933 Unterstützung erfuhr, ist auch kein großes Geheimnis. Und dann waren da noch Kiesinger und Filbinger.

So weit, so bekannt also. Der ausgewachsenen Dämlichkeit und Sinnlosigkeit der Bemerkung Chávez' tut dies jedoch keinen Abbruch. Also, Hugo, alte Säge: Wenn du schon führende deutsche Politiker in die Hitler-Ecke stellen willst, dann bleibe doch bitte wenigstens realistisch - und wenn es schon unbedingt sein muss, such' dir ein passenderes Ziel, z.B. Wolfgang Schäuble. Was, den kennst Du nicht? Du Glücklicher.

Donnerstag, 13. März 2008

Deutschland - Österreich 1:0, Torschütze: O. Habsburg (Eigentor)

Selbstverständlich sollte man alten Menschen mit Höflichkeit, Achtung und Respekt begegnen. Es sei denn natürlich, sie heißen Otto von Habsburg und reden im österreichischen Parlament gequirlten Dünnpfiff. "Wenn es immer wieder blamable Diskussionen darüber gibt, ob die Österreicher Mitschuldige oder Opfer waren, dann muss ich sagen, dass es keinen Staat in Europa gibt, der mehr Recht hat, sich als Opfer zu bezeichnen!" - sprach der 95-Jährige und verglich den frenetischen Jubel, mit dem Hitler in Wien empfangen wurde, mit einem Fußballspiel. Dafür erntete er nicht etwa Prügel, wie es in einer gerechteren Welt vielleicht der Fall gewesen wäre, sondern Beifall von den Konservativen.

Nun, Otto muss recht haben. Schließlich ist er Abkömmling der Dynastie, die über Jahrhunderte das Kaiserreich Österreich-Ungarn von Gottes Gnaden regierte - und Gott sollte ja eigentlich unfehlbar sein. Zumindest sind seine Wege unergründlich - genauso unergründlich wie die Wege der Gedanken im offenbar altersschwachen Hirn des Möchtegern-Monarchen.

Man muss versuchen, Otto zu verstehen. Während die anderen europäischen Staaten also zwar ein paar Millionen Tote durch den Nationalsozialismus zu beklagen haben, so hatten diese Länder es wenigstens mit nackter, ehrlicher Gewaltanwendung zu tun. Bei einem guten alten Krieg nebst Deportationen weiß man ja schließlich, woran man ist.
Ungleich perfider das Vorgehen in Österreich. Mit dem Einsatz kosmischer Strahlen (oder schwarzer Magie, die Wissenschaft ist sich da noch nicht ganz sicher) hatten die Nazis die armen Eingeborenen des kotelettförmigen Landes über Jahre hinweg planmäßig beeinflusst und sie veranlasst, ihre eigene Demokratie ab 1933 Stück für Stück zu demontieren. Und niemand kann sich heute mehr die Brutalität vorstellen, mit der eine Viertelmillion Österreicher gezwungen wurde, Hitler auf dem Heldenplatz zuzujubeln, obwohl sie sicherlich lieber die Invasoren bekämpft oder zumindest zivilen Ungehorsam geleistet hätten. Aufrechte und untadelige österreichische Bürger wie Arthur Seyß-Inquart, Ernst Kaltenbrunner, Odilo Globocnik und Adolf Eichmann mussten fortan gegen ihren Willen für die Nazis arbeiten. Ein Land, das so viel einstecken musste, hat zweifellos mehr Recht, sich als Opfer zu fühlen als etwa, sagen wir: Polen.

Zynismus beiseite: Dass ein 95-Jähriger, der sein Leben lang frustriert war, weil man ihm 1918 sein Lieblingsspielzeug weggenommen hat, derartigen Bockmist von sich gibt, ist vielleicht erklär-, aber nicht entschuldbar. Dass ausgewachsene Volksvertreter dazu klatschen, ebensowenig - und auch nicht das geifernde Krakeele angefressener Deutsch-, Verzeihung: Österreichnationaler. Schämt euch. Und nicht vergessen: Hitler war Österreicher.