Freitag, 12. Februar 2010

Herr Doktor, Sozialisten! Überall Sozialisten!

Ein Gespenst geht um in Europa - der "geistige Sozialismus". Sagt jedenfalls Guido Westerwelle, dessen inflationäre Verwendung des Adjektivs "sozialistisch" zum Zwecke der Brandmarkung allen, was seiner neoliberalen Ideologie widerspricht, schon fast pathologische Züge annimmt. Diskussion über Hartz IV: Sozialismus. Zustand des Gesundheitssystems: Sozialismus. Große Koalition: Sozialismus. Und wenn es um die Wahlerfolge der Linkspartei geht, klingt der Mann gleich wie Joseph Goebbels und spricht vom "Bazillus der Sozialisten" (der vermutlich ausgemerrzt werrrden müsste *schnorch*). Es wird ziemlich deutlich, dass es sich weniger um ein Gespenst als um ein Hirngespinst handelt. Man könnte auch sagen: Eine fixe Idee. Oder kurz: Blblblblbl!

Wenn es doch wenigstens lustig wäre, dem gelben Schreihals zuzuhören. Obwohl, beim Lesen des jüngsten Spiegel-Interviews musste ich mehrfach herzhaft kichern ob des beleidigten und zickigen Divengehabes des amtierenden Vizekanzlers (Spiegel: "CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt hat Ihrem Gesundheitsminister gerade aufgefordert, sich von seinen 'Tagträumen'"zu verabschieden." Westerwelle: "Ich dachte, wir wollten ein ernsthaftes Gespräch führen.") Aber im Wesentlichen war es dann doch eher peinlich, was der Außenminister, Parteichef und Nummer Zwei in der Regierungsmannschaft so von sich gab.

Man muss sich allmählich fragen, ob Westerwelle eigentlich die psychische Befähigung zur Bekleidung seines doch nicht ganz unwichtigen politischen Amtes vorweisen kann (man halte mir zugute, dass ich mich in diesem Zusammenhang dertig zurückhaltend auszudrücken vermag). Ein Mensch, der überall seine finsteren Erzfeinde am Werk sieht, wirkt vielmehr so glaubwürdig wie jemand, der die Unterhose auf dem Kopf trägt, an reptiloide Weltherrscher glaubt und das Haus nur mit der entsprechenden Tablettenration sollte verlassen dürfen.

Aber was rede ich da: Fast jeder sechste Wähler wollte es ja nicht anders. Herzlichen Dank nochmal an dieser Stelle. Da helfen auch keine Umfragetiefs - den Mann werden wir mitsamt seiner Verschwörungsphantasien, seiner Wahnvorstellungen und seiner korrupten Bagage aller Voraussicht nach noch dreieinhalb Jahre an der Backe haben.

Außer natürlich, er dreht vollkommen durch und sprengt sich in einem Jobcenter in die Luft, um wenigstens einige von IHNEN zu erwischen.

Kommentare:

Pathologe hat gesagt…

Guido W. als ARGE-Taliban? So ganz ohne Ausstiegshilfe, also Trittleiterchen? Das waere mal was. Eine ARGE, die in einer rosa Wolke in die Luft fliegt. So eine Art abgeschwaechtes Sozialistenrot.

Aber wir werden das schon ueberleben. Die Amerikaner haben ja auch einen Schauspieler und zwei Generationen niedrigen Strauchwerks ueberlebt.


(Machen Sie mal was mit den Wortbestaetigungen, bitte. Jetzt muss ich hier "powilah" eingeben. Das ist doch der Kanzleramtsminister, oder ist es ein aussenministerialer Wunsch?)

Dr. No hat gesagt…

Und zu der rosa Wolke macht es dann auch nicht "KaBUMM", sondern "Fluff". Oder eher "Quäck"?

Die Wortbestätigung arbeitet doch im Wesentlichen mit bekannten Begriffen - hier handelte es sich um Powilah den Prächtigen, dem ersten Kaiser des freidemokratisch-neoliberalen Lilalummerlands.
Nun, ich habe die Captcha-Funktion jetzt mal deaktiviert; mal sehen, ob das Spammonster mich frisst.

Anonym hat gesagt…

"mehrfach herzhaft kichern"
Ich weiß schon, was du meinst, aber es gab vor 50 Jahren noch zwei Wörter mit unterschiedlicher Bedeutung von denen eines dazumal einfach unschick wurde, nämlich 'mehrmals'. Das implizierte 'zeitlich nacheinander'. Das andere, 'mehrfach', implizierte 'gleichzeitig'. Wie in Mehrfachinfektion...
Nun haben wir nur noch eines und man braucht manchmal eine zusätzliche Information , wie zum Beispiel ein weiteres Wort, das Eindeutigkeit herstellt.
Nicht grämen, das passiert auch in guten Büchern, die sich der deutschen Sprache annehmen und gar fürchterlich jammern, wie 'Der Genitiv ist des Dativs Tod.' (oder so ähnlich.)

Dr. No hat gesagt…

Ich könnte mich jetzt ja damit herausreden, dass ich das Westerwelle-Interview dermaßen beknackt fand, dass es mir tatsächlich gelungen ist, "mehrfach", also gleichzeitig, zu kichern.

So war es aber leider nicht - tatsächlich hat sich die unreflektierte Verwendung des Wörtchens "mehrfach" im Hirn festgesetzt und das gute alte "mehrmals" verdrängt. Wäre mir gar nicht aufgefallen. Insofern danke ich für den Hinweis.

Dr. No hat gesagt…

Noch eine Ergänzung zum obigen Kommentar#2: Habe die Captcha-Funktion wieder aktiviert. Hätte nicht gedacht, dass die Spamflut so schnell losgehen würde.

Pathologe hat gesagt…

Mir ging es ja weniger ums Eintippen, als um die passenden Worte, die das Teil findet. Wenn da, wie geschehen, ein "Po will er" oder "Pofalla" mit gewissen Rechtschreibschwaechen auftaucht, finde ich das schon lustig.

(Sling. Is so)

Ich sollte mehrfachmals (oder mehrfach?) versuchen, bei Ihnen zu kommentieren.
(Fundstueck: http://moapp.de/archives/3938 )

Dr. No hat gesagt…

Wäre es zu platt, wenn ich jetzt die Schreibweise "Po will er" eher auf ein anderes Mitglied der Regierung als Pofalla beziehen würde?

Ich denke schon. Gut, dass ich's mir verkniffen habe.

juwi hat gesagt…

"Fast jeder sechste Wähler wollte es ja nicht anders."

Damit hast du natürlich recht. Aber es sind ja nur 70,8 Prozent der Wahlberechtigten zur Wahl gegangen. Daher vertreten der gute Herr und seine Partei in Wahrheit gerade einmal 10,3 Prozent der Wahlberechtigten. Mit dieser fragwürdigen Legitimation erdreisten sie sich allerdings, alles kurz und kleinzuschlagen, wofür unsere Vorfahren ihr Lenem lang gekämpft haben. Das ist nicht zu fassen!

Falls uns' Guido sich einmal vermessen sollte, zu behaupten, er handele "im Auftrag des Wählers", dann wäre das jedenfalls glatt gelogen!

Es wird Zeit, dass die Gute Frau Merkel Herrn Weseterwelle und die Seinen endlich einmal dorthin verweist, wo sie hingehören: In die Schranken. Leider scheint sie aber Angst davor zu haben, dass die Alptraumehe zwischen CDU/CSU und FDP dann vor dem Scheidungsrichter enden könnte, und dass die Wespe ihre gelben Streifen dabei einbüßen könnte. Dabei könnte ihr eigentlich gar nicht besseres passieren - und uns allen auch nicht.

juwi hat gesagt…

Mist: Es sollte natürlich "Leben" heißen und nicht "Lenem" und "Westerwelle" statt "Weseterwelle". Bei nächsten Mal warte ich, bis ich mich wieder abgeregt habe, bevor ich auf den "Veröffentlichen" Button klicke. Sorry!

Dr. No hat gesagt…

Schon verziehen... ;-)

Ich stimme dir vollauf zu. Allerdings halte ich es eher so (ohne dieses Fass neu aufmachen zu wollen), dass ich die Wähler als Basis der Legitimation sehe, nicht die Wahlberechtigten - denn die 30% Nichtwähler haben schließlich bewusst auf ihren Beitrag zur politischen Willensbildung verzichtet; warum also sollte - überspitzt formuliert - die Legitimation eines Mandats ausgerechnet von ihnen mit abhängen?

Aber natürlich ändert das nichts daran, dass Westerwelle nicht für den Wähler spricht, ja nicht einmal für jenen Teil der Wähler, die ihm ihre Stimme gegeben haben, sondern nur für die Bonzenbande, die regelmäßig Leute wie ihn auf den Thron hievt und dieses Mal der Erfüllung ihrer Ziele näher ist als seit langem.

Bin gespannt, ob ihm eine Legislaturperiode reicht, um das Land wirtschaftspolitisch ins 19. Jahrhundert zurückzuführen oder ob er eine zweite braucht.